3.1 Die Struktur der Gasversorgung und des Wärmemarkts heute – es droht eine Wärmelücke

Derzeit importiert Deutschland mehr als 70 Prozent seiner Primärenergie.[3]

Es steht fest, dass wir fossile Energieträger durch emissions- neutrale Energiequellen ersetzen müssen, um das Ziel der Klima- neutralität im Jahr 2050 zu erreichen.
Momentan decken erneuerbare Energien nur etwa ein Sechstel des deutschen Primärenergieverbrauchs ab.[5] Um die verbleibenden fünf Sechstel zu decken, müsste die gegenwärtig in Deutschland installierte Windkraft- und Photovoltaik-Leistung mehr als verzehn- facht1 werden.[6] Angesichts des moderaten Ausbautempos der erneuerbaren Energien in den vergangenen Jahren, umfangreicher Flächennutzungsrestriktionen und von Akzeptanzproblemen wird deutlich, dass Deutschland künftig signifikante Anteile seiner Primärenergie importieren und gleichzeitig die Erneuerbaren am- bitioniert ausbauen muss. Dies gilt auch bei einem perspektivisch sinkenden Primärenergiebedarf.

Im aktuellen politischen und öffentlichen Diskurs stellt sich zu- nehmend Wasserstoff als favorisiertes Transportmedium für den Import erneuerbarer Energien heraus. Denn mit der Nutzung dieses Energieträgers lassen sich zügig und in enormem Umfang CO2- Emissionen mindern – überall dort, wo Energie benötigt wird. Die vorhandene Gasinfrastruktur spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Sie bietet ideale Voraussetzungen, um klimaneutralen Wasserstoff aufzunehmen, zu speichern, zu transportieren und zu verteilen. Der Wärmemarkt in Deutschland verbrauchte im Jahr 2019 1.330 TWh Energie. Dies entspricht 53 Prozent des Endenergie­ verbrauchs.[3] Der allergrößte Teil davon wurde in Form von Molekülen2 bereitgestellt, und dies wird sich auch länger­ fristig kaum ändern. Daher ist es essenziell, gerade diese Moleküle zu dekarbonisieren.

Gerade in den Ballungszentren stehen im Wärmesektor mit dem Gasnetz, dem Fernwärmenetz und dem Stromnetz verschiedene Infrastrukturen zur Erreichung der Klimaneutralität zur Verfügung. Im ländlichen Raum sind die Möglichkeiten meist weniger viel- fältig. Es wird auch zukünftig ein Nebeneinander dieser Infra- strukturen geben müssen. Jede hat dabei spezifische Vorteile.

Gasanwendungen sind besonders in Altbauten und Bestandsge- bäuden vorteilhaft. Auch bei niedrigen Sanierungsquoten können hier über das Gasnetz die Klimaziele erreicht werden.

Darüber hinaus findet im Bereich der Fernwärme und der Stromerzeugung derzeit ein „Fuel-Switch“-Prozess von Kohle zu gasbasierter Wärmeerzeugung statt. Im Bereich der häuslichen Heizungen ist der Wechsel von Erdöl- zu Erdgasanwendungen zu beobachten. Der nächste konsequente Schritt ist in beiden Fällen der zunehmende Einsatz klimaneutraler Gase. Um diesen Schritt zu ermöglichen, bedarf es der Ertüchtigung der Gasverteilnetze.

Einige Akteure setzen sich für eine vollständige Elektrifizierung des Wärmemarktes ein. Dabei werden die Klimaschutzpotenziale von Gasen häufig unterschätzt, indem nur technologische Wirkungs- grade als Bewertungsparameter betrachtet werden. Dadurch werden systemische Gesamtzusammenhänge vernachlässigt und so volkswirtschaftlich nicht optimale Lösungen propagiert.3 Zudem würde eine umfassende Elektrifizierung einen erheblichen zusätzlichen Stromnetzausbau notwendig machen.[7] Damit die Wärmewende bezahlbar4 bleibt, sollte sie dezentral und techno- logie- sowie anwendungsoffen ausgestaltet werden. Denn eine vollständige Elektrifizierung birgt hohe Risiken:

Selbst bei einer angenommenen Verdopplung der derzeitigen Sanierungsraten auf künftig jährlich 2 Prozent wären bis 2050 nur 60 Prozent der Gebäude energetisch saniert.

Dabei ist zudem zu beachten, dass eine energetische Sanierung beim Einbau einer Wärmepumpe im Gebäudebestand signifikant umfangreicher und kostenintensiver ist als ein Tausch einer alten Heizung mit einer klimafreundlichen Heizung.5 In Ortschaften ohne Zugang zum Gasnetz werden umfangreiche Sanierungen und auch die Nutzung von Technologien wie Wärmepumpen zum Erreichen der Klimaneutralität notwendig sein. Dort, wo aber eine Gasnetzinfrastruktur existiert, kann der Dekarboni- sierungsprozess von der Sanierung entkoppelt werden – durch die Nutzung klimaneutraler Gase. Hinzu kommen bereits heute stark begrenzte Kapazitäten im Handwerk, die steigende ener- getische Sanierungsraten in den kommenden Jahren deutlich erschweren. Die Klimaneutralität im Gebäudesektor ist auf diese Weise entsprechend nicht erreichbar.

Infolge des Kernenergie- und Kohleausstiegs geht die gesicherte Erzeugungsleistung in Deutschland zurück, die verbleibende Stromerzeugung ist zu überwiegenden Teilen volatil. Zeiten der sogenannten „dunklen Flaute“ 6 treten insbesondere in den Wintermonaten auf. In diesen liegen auch die Tage mit den Ver- brauchsspitzen für die Wärmeversorgung. Es kommt also der Höchstverbrauch mit einer Mangellage zusammen: Die Strom- lücke wird dadurch gleichzeitig zur Wärmelücke und verschärft sich deutlich.7 Hierdurch wird die Versorgungssicherheit sowohl strom- als auch wärmeseitig massiv gefährdet. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich diese Zusammenhänge zudem erheblich auf die Preise am Energiemarkt auswirken.